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Verschiedene Modelle von Demenz

Mary stellt uns drei Modelle vor, die zur Erklärung der Demenz dienen:

  • Das medizinische Modell erklärt die Demenz über die Vorgänge, die im Gehirn geschehen. Die Interventionsmöglichkeiten der Mediziner erschöpfen sich in der Gabe von Medikamenten, wobei sie auch im Blick haben, dass die Pflegenden Entlastung benötigen. Nach diesem Modell werden die Ärzte als die Experten für die Demenz betrachtet, was sie natürlich nicht sind.

  •  Das soziale Modell betrachtet die Persönlichkeit des Menschen mit seiner Biografie, seinen physischen und psychischen Erkrankungen und den daraus resultierenden Beeinträchtigungen. Einen Einfluss auf das Befinden haben die Umgebung, die Möglichkeit, tätig zu sein sowie die Qualität der Beziehungen zu Familienangehörigen, Freunden und Pflegepersonen. In diesem Modell werden viele Ursachen für die Demenz und das Wohlbefinden des Erkrankten berücksichtigt. Entsprechend können wir auch eine Menge tun, um den Krankheitsverlauf zu beeinflussen: wir können das räumliche und soziale Milieu an die Bedürfnisse der Kranken anpassen. Wichtig sind deshalb Schulungen der Angehörigen und der professionellen Pflegepersonen. Wir alle sind Experten.
    Diese Sichtweise entspricht dem bei uns mittlerweile verbreiteten „Milieutherapeutischen Ansatz“, nachdem dem räumlichen und sozialen Milieu ein Einfluss auf das Befinden des Kranken zukommt.

  •  Das Bürgerrechtsmodell ist eine bei uns noch nicht verbreitete Sichtweise: Es will den an Demenz erkrankten Menschen eine Stimme geben, denn sie sind nicht nur krank und von vielfältigen Verlusten betroffen, sondern haben noch eine Menge zu unserer Gesellschaft beizutragen. Mary stellt uns Arbeiten von Menschen mit Demenz vor: Fotografien, Skulpturen und Zeichnungen, die u.a. das Iris-Murdoch-Building schmücken. Sie betont, dass Menschen mit Demenz Rechte und Verantwortung haben und die Kommunikation mit ihnen der wichtigste Zugangsweg ist. Sie sind die Experten für ihre Situation und haben das Recht, mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen zu werden.

 Entscheidend ist, dass keines der Modelle alleine ausreicht, sondern dass wir alle drei Sichtweisen benötigen, und zwar zu jeder Zeit: „We need all three all the time!”Abschließend weist Mary darauf hin, dass viel darüber geforscht wird, welchen Einfluss die medikamentöse Behandlung auf den Krankheitsverlauf habe, der Einfluss von Wohlbefinden hingegen nicht erforscht werde. Ihre These lautet: „Be happy“ stoppt den Verlauf.

Nicht nur in Schottland, auch in anderen Teilen Großbritanniens bemüht man sich, entsprechend zu handeln. Im Gegensatz zu Deutschland ist im Vereinigten Königreich „Hearing the voice of people with dementia“ ein in Publikationen und Lehrvideos häufig thematisierter Gegenstand.

Auch in Sterling hörte man auf die Stimme der Menschen mit Demenz. An einem Abend bekamen die Kursteilnehmer Gelegenheit zum Gespräch mit Bill Dawson, dessen Alzheimer-Diagnose nun schon 10 Jahre zurückliegt. In einer völlig frei gehaltenen etwa halbstündigen Rede, erzählte er humorvoll über den bisherigen Verlauf seiner Krankheit. Da waren die Depressionen kurz nach der Feststellung von Alzheimer, das Sich-Zurückziehen; dann der Entschluss, die verbleibende beschwerdearme Zeit mit Reisen zu nutzen, die Umsetzung dieses Vorsatzes, noch mehr Reisen, nachdem er sah, dass dies möglich war und schließlich sogar die Heirat mit einer viel jüngeren Frau.

Bills Geschichte hat mir vor allem gezeigt, dass die Alzheimer-Erkrankung individuell sehr unterschiedlich verläuft und dass Erkrankte noch viel Freude am Leben haben können.

Bill Dawson (Mitte) beim Dinner mit Dr. Jan Holthues, Wissenschaftler von der Berliner Charite und Prof. Mary Marshall

Auch wenn bisher die Krankheit selten so glimpflich verläuft wie bei Bill gibt es bei allen Betroffenen eine Phase, in der alle persönlichen Angelegenheiten noch selbst geregelt werden können und müssen.

Text Brigitte Bauer-Söllner und Bärbel Gregor, Foto Willi Rückert