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Bewertung der Erfahrungen und Nutzen für das eigene Arbeitsfeld
Insgesamt habe ich den Besuch im Demenz-Service-Entwicklungszentrum der Stirling Universität in Schottland als außerordentlich anregend erlebt. Das bezieht sich sowohl auf die Vorträge, von denen ich aus Zeitgründen nur eine kleine, mir wichtige Auswahl dargestellt habe, als auch auf den Besuch der Joint Dementia Initiative, den Kontakt mit interessanten Kolleginnen und Kollegen sowie das Erleben von Landschaft und Kultur, wozu abends und am Wochenende noch Zeit blieb.
„Menschen mit Demenz eine Stimme geben und ihre Bedürfnisse beachten.“ Diese Aussage zog sich wie ein roter Faden durch die ganze Woche und begegnete mir in Variationen immer wieder. Neue Denkansätze sind belebend. Neben den dargestellten Vorträgen haben mir die Beiträge von Roxann Johnson über die Schulung von Mitarbeiterinnen und Malcolm Gold-smith über Spiritualität gut gefallen. Den Vortrag von Dr. Graham Jackson über Zukunfts-trends in der Medizin und neues klinisches Denken fand ich interessant, er hat mich zu einer intensiven Diskussion mit Dr. Barbara Höft über den Einsatz von Antidementiva angeregt. Dr. Jackson formulierte sehr provokant: „Helfen Sie wirklich oder wecken sie nur falsche Hoffnungen?“, eine Frage, die neuerdings auch in Deutschland öffentlich diskutiert wird. Aufgrund ihrer langjährigen Praxiserfahrung schätzt Frau Dr. Höft es so ein, dass man in jedem Einzelfall genau hinschauen muss. Die Medikamente wirken nicht bei jedem Menschen gleich, aber jeder sollte zumindest die Chance zur Erprobung bekommen. Dies sei bei Demenzerkrankungen nicht anders als bei internistischen Erkrankungen. Am meisten beeindruckt hat mich jedoch der Einblick in die praktische Arbeit der Joint Dementia Initiative, hier insbesondere die Angebote „Home from Home“ und „Time to Share“. Der Initiative ist es nach meiner Auffassung gelungen, ein bedürfnisorientiertes, niedrigschwelliges Betreuungsangebot mit hohem Qualitätsstandard zu entwickeln und zu etablieren. Aus diesem Grund habe ich mir auch die Mühe gemacht, mit Unterstützung meiner Kollegin Sandra Schüßler das Handbuch, die Dienstleistungsvereinbarung, das Assessment und die beiden Auswertungen zu übersetzen. Das Handbuch „Time to Share“ werde ich nach dem Up-date auch bekommen und ebenfalls übersetzen. Diese Angebote entlasten die Angehörigen und bedeuten eine wichtige emotionale Unterstüt-zung für die Kranken. Sie ermöglichen es alleine lebenden Menschen mit Demenz, länger in ihrer Wohnung zu bleiben. Das im Handbuch beschrieben Verfahren, die Auswahlkriterien der Betreuerinnen, die Schulung, Einführung und Begleitung, der Blick auf die Bedürfnisse der Menschen mit Demenz und die jährlichen Überprüfungen stellen ein überzeugendes Qualitätskonzept dar. Wir kennen bei uns die Betreuungsgruppen als niedrigschwellige Angebote, die in der Regel einmal wöchentlich in öffentlichen Räumen stattfinden und die Tagepflege als professionelles Angebot. Die Tagesbetreuung durch geschulte und kontinuierlich begleitete Laien in Privathaushalten, analog dem Home from Home Modell, könnte diese Angebotsstruktur sinnvoll ergänzen. Als Ergebnis meines Aufenthaltes in Schottland möchte ich versuchen, dieses Betreuungskonzept, sowohl die Tagespflege in Privathaushalten als auch die individuelle Kurzzeitpflege mit Einzelbetreuung im Main-Kinzig-Kreis modellhaft zu erproben und gleichzeitig Finanzierungswege dafür zu öffnen. Als Geldgeber kämen entweder die Pflegeversicherung (§ 8 Satz 3 SGB XI „... Weiterentwicklung der Pflegeversicherung, insbesondere zur Entwicklung neuer qualitätsgesicherter Versorgungsformen für Pflegebedürftige...“) oder die Robert-Bosch-Stiftung in Frage. Ich weiß zwar nicht, ob es bei uns in Deutschland gelingt, Frauen dazu zu motivieren, ihr Haus bzw. ihre Wohnung für Menschen mit Demenz zu öffnen, aber einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. Bärbel Gregor |